„Märchen im Dialog“ – Fortbildungsreihe für Men­schen in begleitenden und therapeutischen Berufen

Warum mich Märchen immer wieder zu mir selbst führen

Eine persönliche Spurensuche zwischen Kindheit, Krise und innerem Wachstum.

Die Spur beginnt

Warum begeisten mich Märchen eigentlich so sehr, dass sie sich durch mein gesamtes Leben wie ein roter Faden ziehen, mich tragen, und wenn nichts anderes mehr zu tragen scheint, mich nähren und mir heilsam zur Seite stehen? Mit dieser Frage bin ich heute aufgewacht.
Die Anfänge – davon bin ich heute überzeugt – lagen schon in mir. Ich habe sie mitgebracht.
Denn sonst hätte nichts in mir in Resonanz gehen können, als ich erste Geschichten hörte.

Doch es brauchte jemanden, der diesen Funken entzündete: Meine geliebte Großmutti.

Sie konnte überall und immer Geschichten erzählen. Einfach so.
Und sie hat mir nicht nur Märchen erzählt – sie hat mir ganze Welten geschenkt. Mit ihr reiste ich durch Abenteuer, durchlebte Gefahren, fand Wege, wo vorher keine waren. Und so entstand in mir immer mehr eine innere Landschaft – lebendig, bunt, voller Bilder.

Damals wusste ich nicht, was für ein Geschenk das war. Erst viele Jahre später, in einem Märchenseminar, wurde mir bewusst: Nicht jeder kann so sehen. Nicht jeder kann so reisen.
Während andere kaum innere Bilder fanden, war meine Welt voller Farben und ich bewegte mich darin wie ein Fisch im Wasser.

Märchen verstehen lernen

In einer Lebenskrise begann ich schließlich eine Ausbildung zur Märchenerzählerin. Dort erfuhr und begriff ich etwas sehr Entscheidendes: Das was ich intuitiv konnte, was in mir als innere Spur von frühster Kindheit an durch meine Großmutter angelegt worden war, bekam plötzlich einen Ausdruck, eine Struktur, konnte wie ein Handwerk erlernt werden. Ich begann die Bildsprache, die Symbolik und die innere Ordnung der Märchen zu verstehen und konnte diese jetzt benennen. Ich lernte, ihre Spuren zu lesen – und mich in ihnen zurechtfinden wir auf einer Landkarte.

Interessanterweise erinnerte mich diese Erfahrung sehr an mein Geologiestudium. Auch dort geht es darum, die Oberfläche zu betrachten wie eine Landkarte – und von der Oberfläche aus dann immer tiefer zu gehen, Schicht für Schicht ins Erdinnere hinein. Ein Professor sagte einmal: „Geologie ist eine beschreibende Wissenschaft.“

Genau dies gilt auch für Märchen. Man kann sie nie wirklich verstehen, wenn man sie nur theoretisch betrachtet. Man muss sich in ihnen bewegen. Sie erleben. Mit ihnen in Resonanz und in die Tiefe gehen.

Die erste echte Begegnung

Ein entscheidendes Erlebnis gab es gleich zu Beginn meiner Märchenausbildung. Wir sollten ein Märchen spielen, „Das Eselein“ (Grimm). Ich wählte die Rolle der Königin aus einem ganz pragmatischen Beweggrund: Sie kommt nur kurz zu Beginn des Märchens vor. Ich wollte beobachten und nicht im Mittelpunkt stehen.
Doch dann geschah etwas Unerwartetes.

Im anschließenden Austausch wurde mir gespiegelt, wie ich in dieser Rolle gewirkt hatte: distanziert, abgewandt, innerlich fern. Plötzlich wurde mir klar: Ich hatte nicht einfach eine Rolle gespielt, ich hatte mich selbst gespielt! Ich erkannte mich in dieser Königin wieder – in ihrer Schwere, in ihrer inneren Ohnmacht. Und mir wurde bewusst, dass ich selbst in einer depressiven Stimmung steckte.

Das Märchen hatte dies offenbar gemacht. – und genau darin liegt bis heute seine Kraft.

Das heilsame Potential der Märchen

Jahre später begegnete ich in der Naturtherapie der Heldenreise und der Archetypenlehre C.G. Jungs. Und plötzlich fügte sich alles zusammen: Die Märchen bekamen eine neue Tiefe, eine weitere Ebene fügte sich meinen Märchenstudien hinzu. Immer mehr begann ich zu forschen und zu verstehen, warum sie uns so tief berühren und warum sie heilsam sein können.

Denn Märchen wirken nicht über den Verstand. Sie wirken in Bildern, über die Erfahrung und über das innere Erleben. Und – ganz entscheidend – sie wirken nie gleich! Ein und dasselbe Märchen kann in verschiedenen Lebensphasen völlig unterschiedliche Prozesse anstoßen.

Was Märchen wirklich sind

Heute kann ich sagen: Märchen sind keine Geschichten, die man einfach interpretiert.

Märchen sind Räume, die man betritt.

Wer Märchen nur analysiert, bleibt an der Oberfläche. Wer sie jedoch erlebt, sich in ihnen bewegt und ihre Landschaften erkundet, begibt sich auf einen Weg tiefer Selbsterkenntnis.

Märchen zeigen keine fertigen Lösungen. Märchen zeigen Wege.

Sie zeigen Gefahren, sie zeigen Möglichkeiten, sie geben Impulse – und Hoffnung.

Und vielleicht …

… ist das genau der Grund, warum sie mich nie losgelassen haben.

Weil sie mich immer wieder zu mir selbst zurückführen.

Wie heute Morgen. Als ich aufgewacht bin mit einer Frage und mit den ersten Worten einer neuen Geschichte:
Es war einmal und ist noch immer …

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Nahaufnahme von Märchenexpertin Elke Fischer-Wagemann, wie sie mit einem blau gemusterten Schal vor einer gelblichen Mauer steht und in die Kamera lächelt.

Hallo, ich bin Elke Fischer-Wagemann

Als Märchen­pädagogin & Natur­therapeutin mache ich die Verbind­ung zwischen Märchen und Natur­erfahrungen erlebbar.

In meinem Blog schreibe ich über meine Märchen­expertise, Persön­liches und Natur­begeg­nungen.

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